Lästern gehört zum Alltag vieler Teams – und wird oft unterschätzt. Gerade im Gesundheitswesen hat abwertendes Reden hinter dem Rücken weitreichende Folgen: für das Teamklima, die Gesundheit der Mitarbeitenden und die Patientensicherheit. Studien zeigen: Wo viel gelästert wird, steigen Fehlzeiten, sinkt die Zufriedenheit – und das Vertrauen im Team bricht ein.
„Wenn eine Stationsleitung zu mir sagt: ‚Ich erkenne mein Team nicht mehr wieder – früher war das ein gutes Miteinander, jetzt flüstern alle nur noch.‘, dann ist meist längst etwas aus dem Gleichgewicht geraten“, berichtet Prof. Dr. Renate Tewes.
Die Pflegewissenschaftlerin begleitet seit vielen Jahren Führungskräfte in Kliniken und Pflegeeinrichtungen – und sieht in Lästern ein oft übersehenes Symptom für strukturelle Spannungen.
Warum wird gelästert? Psychologische Dynamiken im Pflege- und Klinikalltag
Lästern erfüllt auf den ersten Blick soziale Funktionen: Es entlastet, verbindet, grenzt ab. Besonders dort, wo hoher Zeitdruck herrscht und eine offene Kommunikationskultur fehlt, wird es zum Ventil für Frust.
Stress, Überforderung und ein Mangel an klarer Rückmeldekultur gehören zu den häufigsten Auslösern. Wer sich im Arbeitsalltag nicht gehört oder überfordert fühlt, sucht emotionale Auswege – oft über abwertende Gespräche im Kolleg:innenkreis. Das stärkt kurzfristig das eigene Zugehörigkeitsgefühl, erzeugt aber langfristig Unsicherheit.
„In vielen Teams wird nicht gelästert, weil Menschen böswillig sind – sondern weil ihnen die Sprache oder der Rahmen fehlt, um Unzufriedenheit direkt anzusprechen.“ – Renate Tewes
Auch gruppendynamisch spielt Lästern eine Rolle. Es signalisiert Zugehörigkeit und grenzt gleichzeitig andere aus. Wer mitlästert, wird Teil der Gemeinschaft – zumindest für den Moment. Doch diese Form der Nähe basiert nicht auf Vertrauen, sondern auf Abgrenzung.
Eifersucht und Unsicherheit sind ebenfalls häufige Ursachen. Das Herabsetzen anderer kann dazu dienen, eigene Schwächen zu kompensieren. Wer sich in seiner Rolle unsicher fühlt, lenkt den Fokus lieber auf vermeintliche Fehler anderer.
Warum Lästern so verführerisch ist – und was wirklich dahintersteckt
Der Evolutionspsychologe Robin Dunbar sieht im Lästern eine moderne Form des „Groomings“: Was bei Affen das gegenseitige Fellkraulen ist, ist bei uns das gemeinsame Reden über Dritte. Es schafft Nähe – aber auf Grundlage von Abgrenzung, nicht Vertrauen.
Der Feind meines Feindes ist mein Freund – dieses Prinzip wirkt auch im Klinikalltag. Wer gemeinsam lästert, fühlt sich einander näher. Doch diese Nähe basiert auf Ausschluss.
Auch neurobiologisch wirkt Lästern kurzfristig positiv: Hormone wie Oxytocin oder Serotonin werden ausgeschüttet. Genau das macht es so attraktiv – und so gefährlich. Denn was kurzfristig verbindet, zerstört langfristig Vertrauen und Offenheit.
„Lästern schafft Nähe, aber keine Verbindung“, sagt Tewes. „Wer sich über andere erhebt, senkt sein Vertrauen in sich selbst und in die Welt.“
Wie äußert sich Lästern konkret?
Es beginnt oft beiläufig – mit einem kurzen Kommentar in der Pause oder einer spitzen Bemerkung im Kollegenkreis. Typische Beispiele aus dem Klinik- und Pflegealltag:
- Abfällige Bemerkungen über die Arbeitsweise anderer
- Gerüchte über das Privatleben von Mitarbeitenden
- Führungskräfte, die sich im Teamkreis über einzelne Personen negativ äußern
Solche Dynamiken wirken stärker, als es auf den ersten Blick scheint. Wer regelmäßig Ziel von Lästereien wird, zieht sich zurück, verliert Vertrauen – und fühlt sich im Team zunehmend unsicher.
Welche Folgen hat Lästern am Arbeitsplatz?
Die Auswirkungen reichen weit über das Einzelne hinaus. In Teams, in denen gelästert wird, entstehen oft unterschwellige Spannungen, die Zusammenarbeit behindern.
- Schlechtes Teamklima: Misstrauen, Rückzug, Grüppchenbildung
- Informationsverluste: Wichtige Hinweise oder Rückmeldungen werden nicht mehr offen geteilt
- Psychische Belastungen: Stress, Angst, Schlafprobleme, Erschöpfung
- Fluktuation: Mitarbeitende verlassen das Team oder fallen längerfristig aus
Eine Studie von Körner et al. (2023) zeigt: Teams mit hoher Konflikt- und Lästerrate verzeichnen signifikant mehr Fehlzeiten – und schlechtere Werte bei der Patientenzufriedenheit.
Was hilft gegen Lästern? Handlungsansätze für Führung und Team
Lästern lässt sich nicht einfach abschaffen – aber es lässt sich beeinflussen. Der Schlüssel liegt in einer klaren Haltung, strukturierten Kommunikationswegen und einem sicheren Rahmen.
Diese Maßnahmen haben sich in der Praxis bewährt:
- Klare Kommunikationsregeln: Eine gelebte „Null-Toleranz“-Haltung gegenüber Lästern – nicht nur als Aushang, sondern als Haltung
- Feedbackkultur stärken: Probleme frühzeitig und direkt ansprechen – in einem geschützten Rahmen
- Führungskräfte schulen: Konfliktkompetenz, Selbstreflexion, Vorbildverhalten
- Teamtrainings und Supervision: Professionelle Begleitung, etwa durch das Format „Lästern war gestern“
- Sichtbare Anlaufstellen: Vertrauenspersonen, externe Beratung, strukturiertes Beschwerdemanagement
Oft hilft bereits ein offenes Gespräch, um erste Spannungen aufzufangen. In meinen Trainings entstehen häufig genau an diesem Punkt wichtige Erkenntnisse und neue Perspektiven.
Was tun, wenn ich selbst zur Zielscheibe werde?
Wird man selbst zur Zielscheibe von Lästereien, ist das emotional belastend – vor allem, wenn es nicht offen ausgesprochen wird. Es hilft, das Gespräch zu suchen – idealerweise mit einer neutralen Begleitung.
Weitere Schritte können sein:
- Vorfälle sachlich dokumentieren
- Das Thema mit der Führungskraft oder einer Vertrauensperson ansprechen
- Bei Bedarf den Betriebsrat oder externe Unterstützung einbeziehen
Lästern ist kein persönliches Versagen – sondern Ausdruck eines gestörten Miteinanders. Es verdient Aufmerksamkeit, nicht Schweigen.
Und rechtlich? Wann Lästern zum Problem wird
Auch arbeitsrechtlich ist Lästern keineswegs banal. Wiederholtes, gezieltes Herabsetzen kann als Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten gewertet werden – und im Ernstfall sogar eine Abmahnung oder Kündigung nach sich ziehen.
Besonders sensibel ist es, wenn Führungskräfte sich abwertend äußern – oder schweigend zusehen. Hier entsteht schnell ein Klima, das als Mobbing empfunden werden kann. Wer Verantwortung trägt, muss hier auch Haltung zeigen.
Fazit: Vertrauen entsteht dort, wo gesprochen wird
Lästern ist keine Nebensache. Es ist ein Symptom – und manchmal ein Alarmsignal. Wer in der Lage ist, Konflikte frühzeitig zu erkennen, offen anzusprechen und Rückmeldung zu ermöglichen, schafft die Grundlage für stabile Teams, gesunde Kommunikation und eine Kultur des Miteinanders.
Für die Seelenhygiene gibt es viele Methoden – Yoga, Qigong, Teetrinken, einen Waldspaziergang machen.
Lästern gehört nicht dazu.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Körner, M. et al. (2023): Effectiveness and feasibility of an interprofessional training program to improve patient safety – A cluster-randomized controlled pilot study
- Christina Berndt (2020): Was du nicht sagst!, Süddeutsche Zeitung, 13./14. Juni 2020
- Robin Dunbar (2004): Grooming, Gossip and the Evolution of Language
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